Raupe Erwin und das Obst

Projekt „Raupe Erwin und das Obst“ in der Löwenzahngruppe

Im Rahmen meiner Zusatzausbildung zur „Sozialpädagogischen Fachkraft mit heilpädagogischer Zusatzqualifikation für Integration“ habe ich mit acht Kindern der Löwenzahngruppe ein Projekt zum Thema Obst durchgeführt.


Warum musste es Obst sein?
Die Kinder sind seit einiger Zeit mit diesem Thema beschäftigt. Sie fragen häufig „Ist das Obst oder ist das Gemüse?“ Durch das Projekt sollten alle Sinne der Kinder angesprochen werden, um ihre inneren Bilder zum Thema Obst zu festigen. Die Abgrenzung zum Gemüse fällt dann nur noch halb so schwer.
Ausgangspunkt des Projektes war daher ein selbstgestaltetes Kniebuch „Raupe Erwin und das Obst“.

Die Raupe Erwin hat Hunger und entdeckt auf einem Spaziergang in der Speisekammer eines Bauernhauses so allerhand Obst. Er futtert sich nach und nach durch die verschiedenen Obstsorten. So einiges probiert er sogar zum ersten Mal. Er stellt jedes Mal fest, dass Obst wirklich lecker ist. Da er jeden Tag größeren Hunger hat, frisst sich Erwin auch jeden Tag durch mehr Obst. Schließlich träumt er davon, ein Schmetterling zu sein…

Was waren die Ziele des Projektes?
Ziel war es, eine möglichst heterogene Gruppe anhand des Oberthemas „Obst“ durch verschiedene Angebote zu fordern und zu fördern.
Wichtig war mir, alle Kinder dort abzuholen wo sie stehen. Ganz gleich um welche Altersstufe oder um welches Geschlecht es sich handelt oder auf welcher Entwicklungsstufe sich das Kind befindet. Jedes Kind sollte eine freudvolle Entdeckungsreise mit der Raupe Erwin machen.

„Je unterschiedlicher und vielfältiger die Menschen einer Gruppe sind, desto mehr kann die Gemeinschaft und jeder Einzelne in ihr profitieren.“

Im sprachlichen Bereich sollte die Sprechfreude besonders angeregt werden. In der Kleingruppe sollten alle Kinder die Möglichkeit und die Zeit haben, sich auszudrücken und mitzuteilen. Jedes Kind sollte dazu angehalten werden in ganzen Sätzen zu sprechen und die Beweissprache zu nutzen. Durch modellhafte Sprache sollten die Kinder Sicherheit und Selbstvertrauen gewinnen.
Das Projekt sollte besonders die Lernbereiche und Erfahrungsfelder: Sprache und Sprechen, mathematisches Grundverständnis, Natur und Lebenswelt, lebenspraktische Kompetenzen sowie die sozialen Kompetenzen, auf Grundlage des Orientierungsplans für Bildung und Erziehung des Niedersächsischen Kultusministeriums ganzheitlich fördern.

Was haben wir gemacht?

Das Projekt hat sich über knapp zwei Wochen erstreckt. Wir haben jede Einheit damit begonnen, einen Stuhlkreis vor unserer Entdeckerwand zu stellen. Jeden Morgen haben wir uns dort nach 3xR (Regeln, Rituale und Reviere) mit dem Lied „Wir sitzen im Kreis…“ begrüßt. Anschließend haben wir täglich den Raupenvers „In einem Apfel, oh wie nett“ wiederholt. Daraus ist ein festes Projektritual entstanden. Die Kinder hatten dies schon nach kurzer Zeit verinnerlicht und konnten sich an dieser Struktur orientieren. Als dritter ritueller Baustein wurde täglich ein Sprachhandlungsakt durchgeführt.

Diese variierten alle zwei bis drei Tage. Beispielsweise besuchte uns hier „Frau Zunge“, wir saugten eine Papierblüte mit einem Strohhalm an und sprachen dazu den Satz: „Mit diesem Strohhalm gebe ich diese Blüte weiter“ oder wir kippten einen Würfel mit der modellsprachlichen Begleitung: „Wenn ich diesen Würfel kippe, sehe ich _X_ Würfelpunkte“. Die Kinder schenkten den Sprachhandlungsakten große Aufmerksamkeit und waren mit Spaß an der Sache.

Danach sahen wir uns Fotos vom Vortag an. Die Kinder konnten sich selbst erkennen und so noch viel besser begreifen und wiedergeben, was wir am Tag zuvor gemacht hatten. Die Bilder wurden auf die Entdeckerwand geklebt und täglich durfte ein anderes Kind alle Bilder der Entdeckerwand vorstellen. Durch die Wiederholungen konnte jedes der Kinder am Schluss des Projektes den gesamten Verlauf wieder geben.

Am ersten Tag fand eine interaktiv-dialogische Kniebuchbegegnung statt. Die Kinder erklärten sich die Bilder und damit die Geschichte selbst. Außerdem stellte sich Raupe Erwin zum ersten Mal den Kindern vor.

Nach dem täglichen Lied, Vers, Sprachhandlungsakt und der Entdeckerwand, war es Zeit für Erwin. Die Kinder überlegten sich jeden Tag, wie sie Erwin wecken könnten. Kitzeln und Streicheln waren bevorzugte Weckmöglichkeiten. Nachdem Erwin jedes Kind begrüßt hatte, erklärt er was im weiteren Verlauf geschehen sollte. Die Kinder hörten gespannt zu, stellten ihm Fragen und zeigte ihm ihre Ergebnisse.

Die Kinder begaben sich mit der Hilfe von Erwin auf eine Weltentdeckungsreise. Sie stellten eigene Mappen her, in die sie ihre Arbeitsblätter abhefteten. Durch sequenzielles Anmalen (bedeutsames anmalen) verinnerlichten die Kinder die Geschichte von Raupe Erwin, prägten sich die Obstnamen und deren Anzahl ein. Zum Schluss hatte jedes Kind die Geschichte von Raupe Erwin in der Mappe und war in der Lage diese Vorzulesen.

Das Projekt war offen angelegt und sollte durch die Impulse der Kinder alltagsorientiert gelenkt und situationspädagogisch umgesetzt werden. Das Berücksichtigen der kindlichen Sichtweise und des kindlichen Entdeckerdranges, sollte das Projekt für die Kinder mit allen Sinnen erfahrbar und dadurch bedeutsam machen. Ein Kind schlug beispielsweise vor, die Raupe Erwin zu kneten. Die Idee wurde bereits am nächsten Tag umgesetzt und das Projekt entsprechend angepasst.Neben dem Zählen, vergleichen und Aufkleben von Obst, gab es eine Bewegungseinheit zum Thema. Nach Musik verteilten sich die Kinder im Raum. Beim Stoppen der Musik mussten die Kinder ihre Obstkarte finden. Im nächsten Schritt bewegten sich die Kinder zur Musik und bekamen kurz vor dem Stopp Aufgaben zugerufen. „Ein Apfel, eine Birne und eine Orange treffen sich“. Die Kinder stellten sich in Gruppen zusammen. Mit Hilfe von gezielten Fragen, konnten die Kinder beweissprachlich erklären, warum sie sich so aufgestellt haben. Natürlich kam das Obst als solches auch nicht zu kurz. Es wurde gefühlt, gerochen, geschnitten und probiert. Es schmeckte so gut, dass die Kinder am letzten Tag Obst kauften und daraus einen Obstsalat für die ganze Gruppe herstellten, der bei einem gemeinsamen Frühstück gegessen wurde.  

Anschließend stellte jedes Kind im Kreis einen Teil des Projektes der gesamten Löwenzahngruppe vor. Jedes Kind war in der Lage wiederzugeben was wir gemacht hatten und konnte die Fragen der anderen Kinder beantworten.
 

Das Projekt hat allen großen Spaß gemacht. Es war spannend zu sehen, wie konzentriert und eifrig die Kinder bei der Sache waren. Die Einheiten haben zwischen 45 und 60 Minuten gedauert. Alle Kinder haben dies super leisten können ohne sich zu langweilen oder überfordert zu sein. Im Gegenteil. Eher hieß es: „Und was können wir jetzt noch machen?“
Die Kinder schafften es abzuwarten, sich ohne Aufforderung gegenseitig zu unterstützen und hatten viel Spaß an den einzelnen Projektbausteinen. Ruhige und schüchterne Kinder konnten aus ihrem Schatten springen und sogar vor der großen Gruppe ihre Ergebnisse präsentieren.

Was Obst ist, ist nun ganz klar.
Und was das Gemüse angeht, das eigentlich auch!

gez. N. Thiel